Kolumne der Synodalpräsidentin

Bild von der SynodalpräsidentinGerade haben wir Pfingsten gefeiert, den Geburtstag unserer Kirche. Wir haben die Pfingsterzählung aus der Apostelgeschichte gehört und uns auf die Anfänge unserer Kirche besonnen. Dies sollten wir auch im Hinterkopf behalten, wenn sich im Juni die vier kirchenleitenden Organe in der inspirierenden Umgebung der Evangelischen Akademie Tutzing am Starnberger See treffen. Diese Konferenz ist ein einmaliges Highlight in jeder Synodalperiode, werden hier doch die Weichen für die Weiterentwicklung unserer Kirche gestellt. Neues wird gedacht, Neues wird initiiert, Neues wird in die Wege geleitet.
Neues begann auch bei dem ersten Pfingstfest – und dies nicht durch Projektgruppen, Organisationspläne und ausgeklügelte Vorbereitungen, sondern durch Gottes Geist. Es geschah etwas, das Begeisterung auslöste.
Diese Begeisterung soll uns immer wieder daran erinnern, dass es nicht die Sorgen um Strukturen und Finanzen waren, dass es nicht um Gebäude, Verwaltung und Berufsgruppen ging, sondern dass der Kick-off durch den Heiligen Geist geschah. Er ist es, der die Kirche führt und leitet. Er ist es, der unsere Versuche, Kirche zu definieren und zu organisieren, immer wieder heilsam und kreativ durchkreuzt. Rechnen wir in unserem kirchlichen Denken und Handeln also damit, dass die Kirche aus dem Geist Gottes lebt und nicht für sich allein existiert.
Ich habe die belebende und erhebende Kraft dieses Geistes bei unserer letzten Synodaltagung in Ansbach deutlich gespürt. Auch andere Synodale äußerten dieses Gefühl. Trotz aller kontroversen Debatten und trotz allen Ringens um Beschlüsse empfanden Viele eine große Leichtigkeit.
Während unserer Tagung setzten wir uns in Bewegung. Man kann es auch anders formulieren: Wir wurden vom Geist in Bewegung gesetzt. Die Synodalen verließen am Thementag den Tagungssaal und bewegten sich zum Dienstagsmarkt in der Kulturhalle. Wieder einmal war ich verblüfft, mit welcher Vielfältigkeit unsere Kirche in den ländlichen Räumen Menschen begeistert und anspricht und wie bunt und uneinheitlich die ländlichen Räume doch sind. Ich fand es beeindruckend, auf welch unterschiedliche Weise das Evangelium in unserer Kirche zu den Menschen kommt! Der Dienstagsmarkt machte deutlich: Die Uneinheitlichkeit lässt sich nicht mit einem Blick erfassen und nicht in schnelle Formulierungen pressen. Wir müssen genau hinschauen und aufmerksam ins Gespräch kommen. Dann wird die Faszination dieser Räume erlebbar. Mit dieser Faszination können wir Kirche gestalten – heute und in Zukunft, nicht nur in den ländlichen, sondern in allen Räumen unserer Kirche. Wer fasziniert und begeistert ist, wird kreativ und zum Salz der Erde und zum Licht der Welt. Die Begeisterung über Gottes Evangelium bricht sich auf verschiedenen Wegen Bahn. So kommt das Evangelium in der Kraft des Geistes auf verschiedenen Wegen zu den Menschen.
Was ist so faszinierend an der frohen Botschaft, dass sie uns immer wieder in Bewegung setzt, dass sie Mut zur Veränderung gibt?
Ich will diese Frage mit einer Gegenfrage beantworten: Gibt es etwas Faszinierenderes als die Tatsache, dass die Wahrheit über die Welt in einem Menschen, nämlich in Jesus Christus sichtbar geworden ist – die Wahrheit, dass alles gut wird? Ist das nicht erstaunlich? Und lässt es uns nicht staunen?
Wenn wir als Kirche noch staunen können, sind und bleiben wir faszinierend. Mit dem Staunen beginnt der christliche Glaube: am Ostersonntag staunten die Jüngerinnen Jesu am Grab. An Pfingsten staunten die Jünger und Jüngerinnen Jesu über die Kraft des Geistes, der die Sprach- und Kommunikationsverwirrung unserer Welt so beseitigt, dass Fremde zu Freunden und Unterschiede zur Quelle der Inspiration werden.
Gerade haben wir Pfingsten gefeiert, das Fest, das die Welt und die Kirche darüber staunen lässt, dass Gottes Geist in ihr am Werk ist. Pfingstlich leben, das heißt geisterfüllt leben. Und geisterfüllt leben heißt offen für das Überraschende, für das Fremde und offen für eine Liebe leben, die den Anderen im Blick hat. Pfingstlich leben heißt offen für eine Kirche leben, die sich nicht nur ständig mit sich selbst beschäftigt und sich vor dem Leben außerhalb ihrer selbst verschließt, sondern die in ihrer Lebensfreude Andere ansteckt.
Faszinierend ist eine Kirche, die bunt, lebendig, kreativ, voller Visionen und zu Überraschungen bereit ist und Türen zu glaubensfreundlichen Räumen öffnet – auch für die, die suchen und zweifeln.
Ich wünsche mir, dass wir erwachsene Christinnen und Christen den Mut haben, uns als Kinder des Geistes Gottes wiederzuentdecken. Wenn wir werden wie die Kinder, die das Staunen nicht verlernt haben und die unsere Kirche zu einer ansteckenden und begeisternden Angelegenheit machen, dann weht vielleicht ein neuer Wind in unserer Kirche. Ein Wind der Leichtigkeit, der uns als Wehen des Heiligen Geistes dann im wahrsten Sinne des Wortes geistesgegenwärtig werden lässt!