Kolumne der Synodalpräsidentin

Bild von der SynodalpräsidentinRaus aus der Komfortzone statt „weiter so“

Die Frühjahrssynode in Coburg wirft ihre Strahlen voraus. Der Reformprozess unserer Kirche wird im Mittelpunkt dieser Tagung stehen. Unter dem Motto „Profil und Konzentration“ werden wir fortsetzen, was mit der Zukunftswerkstatt der kirchenleitenden Organe in Tutzing im Juni 2016 begonnen hat und in vielfältigen Veranstaltungen wie der Hesselberg-Konferenz, der ARGE und bei diversen Pfarrkonferenzen und Dekanatssynoden weiterentwickelt wurde.

Die Begleitgruppe „Profil und Konzentration“ hat fünf Arbeitspakete für die künftige Entwicklung unserer Kirche geschnürt. Die Synodalen werden in Coburg darüber diskutieren und entscheiden, ob unsere Kirche auf einem guten Weg ist.
Die große Kunst von Veränderungsprozessen besteht darin, sich aus gewohnten Denkmustern zu lösen und lähmende alte Bilder durch stärkende neue Bilder zu ersetzen. Ein „Weiter so“ in bewahrenden Strukturen verhindert einen Aufbruch ebenso wie das Denken in Zuständigkeiten. Um diesen ersten Schritt geht es zunächst: das Aufbrechen aus den gewohnten Komfortzonen!
„Kirche im Aufbruch“ – dieses Motto stand schon über den Zukunftskonferenzen der EKD in den Jahren 2009 und 2014. Das ist nicht nur ein passendes Bild für unsere Mobilitätsgesellschaft, sondern auch für das kontinuierliche Weiterdenken der Reformation, das unter dem lateinischen Slogan „Ecclesia semper reformanda“ in diesem Jubiläumsjahr in aller Munde ist. Der ewige Protest gegen erstarrte und christusferne Erscheinungsformen von Kirche ist dem Protestantismus in die Wiege gelegt, ins Stammbuch geschrieben und ein Wegweiser. Reformation kann dort geschehen, wo wir wie Abraham aus Ur in Chaldäa, wie Mose aus Ägypten und wie Luther aus der Verkrustung der mittelalterlichen Kirche aufbrechen in neues, unbekanntes Terrain. Wenn wir in jenen Gestalten des Exodus die Vorbilder unserer Kirche sehen, dann dürfen wir uns als Kirche in unruhiger werdenden Wassern nicht an die Planken und Strohhalme der Vergangenheit klammern.
In den vergangenen drei Jahren seit ihrer konstituierenden Sitzung in Bayreuth denkt die Landessynode von der Zukunft her. Wir finden immer mehr erstaunliche Bilder in der Bibel, die uns einmal mehr zeigen, was wir singen, wenn wir das Lied 395 in unserem Gesangbuch anstimmen: dass die Zukunft das Land Gottes ist. Diese Bilder helfen uns dabei, uns aus gewohnten Denkmustern zu lösen und neue Räume für Innovation und Ermöglichung zu öffnen.
Die Erkenntnis, dass Inspiration, Kreativität und Vernetzung unvermutete und unerwartete Wirklichkeiten entstehen lässt, wird in der Philosophie als Emergenz bezeichnet. Auch die Theologie beschreibt seit einigen Jahren das Wirken des Heiligen Geistes als emergenten Prozess. Emergentes Denken hat längst Einzug in die Strategien des Change-Managements gehalten. Dahinter steht die „Theorie U“, die Otto C. Scharmer, Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT), im US-amerikanischen Cambridge entwickelt hat, um für komplexe Herausforderungen innovative Problemlösungen zu finden. Scharmers zentraler Gedanke: Wie sich eine Situation entwickelt, hängt davon ab, wie man an sie herangeht. Und es macht einen gewaltigen Unterschied, ob man sich ihr von der Vergangenheit oder von der Zukunft her nähert. Der Effekt des Umdenkens nach der Theorie U ist verblüffend. Das U-Denken erfordert aber auch eine hohe Flexibilität, weil es dazu nötigt, Offenheit auszuhalten.
Bei der außerordentlichen gemeinsamen Klausur von Landesbischof, Landeskirchenrat und Landessynodalausschuss Anfang Februar wurden die Potenziale dieses Umdenkens deutlich. Nicht nur, dass das Format einer solchen Synodenvorbereitungsklausur ein Novum war, es wurde auch eine ungeheure kreative Energie spürbar. Jede Arbeitseinheit wurde durch biblische Impulse eingeleitet, die neue Bilder des Zukunftsprozesses zu Tage förderten.
Und einmal mehr wurde deutlich: Die Leitung unserer Kirche ist wie die Kirche selbst ein lebendiger Organismus, der vom Zusammenspiel seiner Organe lebt. Teamgeist ist alles. Einzelkämpfertum ist passé. „Die Zukunft des Erkenntnisgewinns im 21. Jahrhundert liegt auf einer anderen Ebene. Jetzt geht es um die Entfaltung der Potenziale, die in menschlichen Gemeinschaften angelegt sind und die nur durch das freiwillige, selbstbestimmte, offene und durch das konstruktive Zusammenwirken von gut ausgebildeten Spezialisten und Experten zur Entfaltung kommen können.“ Dies sagt der Neurobiologe und Vorstand der Akademieforschung für Potentialentfaltung, Prof. Gerald Hüther. Die Intelligenz der Zukunft wird eine Kollektivintelligenz sein, die dadurch entsteht, dass Individuen durch ihre Vernetzung ihre Stärkung entfalten. Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher erleben und erfahren dies längst. Dennoch wird auch für sie der Reformprozess unserer Kirche zu einer neuen Herausforderung werden. Denn es gilt über den Tellerrand des eigenen Kirchturms, der eigenen Kirchengemeinden und Dekanate hinauszuschauen, Strukturen in Frage zu stellen und neue Verbindungen zu schaffen.
Gerne gebe ich Ihnen den biblischen Impuls weiter, der mich auf dem Weg in die Zukunft unserer Kirche leitet. Es steht in Micha 6,8 und lautet: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ Damals wie heute erwartet Gott etwas von uns. Zugleich traut er uns etwas zu. Und dass er dies tut, ist im besten Sinne Gottes Zu-Mutung an uns. Wenn wir im Geist dieser Zumutung mutig in die Zukunft gehen und wenn wir von der Zukunft des Reiches Gottes her denken, dann sind wir auf einem guten Weg.